Getuntes EKG rettet Herzpatienten Leben

Getuntes EKG rettet Herzpatienten Leben

Von Schwarzwälder-Bote, aktualisiert am 08.02.2011 um 09:45

Von Theodor von Keudell und Wiebke Bomas

Wie tickt das Herz: Diese Frage verfolgt Ralf Birkemeyer von Berufs wegen. Jetzt kommt der Herzspezialist aus Villingen-Schwenningen ihrer Antwort mit einer neuen Methode nahe. Die Cardiogoniometrie (CGM), erklärt der leitende Oberarzt am Schwarzwald-Baar-Klinikum, stellt Infarkte und chronische Durchblutungsstörungen wesentlich präziser dar als ein herkömmliches EKG (Elektrokardiogramm). „Den Versuch, die Informationen aus einem normalen Ruhe-EKG besser lesen zu können als bisher, gibt es schon seit vielen Jahren“, erklärt Birkemeyer seine anfängliche Skepsis, als er erstmals auf einem Münchener Kongress von der CGM gehört hat. „Diese Versuche waren in der Anwendung immer sehr kompliziert.“ Nun aber sei es zwei jungen Informatikern gelungen, diesen Versuch auf Computer umzusetzen, so dass dieser die EKG-Informationen wesentlich detaillierter lesen kann.

Nach eineinhalb Jahren, die Birkemeyer an der deutschlandweiten Studie zur CGM teilnimmt, ist er von diesem „getunten EKG“ überzeugt. Sogenannte Nicht-Hebungs-Infarkte etwa, also Herzinfarkte, die sich über den zweidimensionalen Ausdruck des EKGs nicht als Erhebung der Kurve ablesen lassen, erkenne das CGM in 60 Prozent der Fälle – beim herkömmlichen EKG waren es gerade 20 Prozent. Und auch die Diagnose von chronischen Durchblutungsstörungen oder Vernarbungen am Herzen sei über die neue CGM-Methode sicherer.

„Wenn jemand mit starken Schmerzen in der Brust zu mir kommt und im EKG auf den ersten Blick nichts auf einen Infarkt deutet, kann die CGM die Diagnose Herzinfarkt häufig früher vermuten lassen als andere Methoden wie die Blutuntersuchung“, betont der Kardiologe. Auch das Belastungs-EKG auf dem Trimm-Dich-Rad zur Entdeckung chronischer Durchblutungsstörungen sei seltener nötig: „Da viele Koronarpatienten um die 70 Jahre alt und oft übergewichtig sind, ist das eine große Erleichterung“, meint Birkemeyer. Die Erkenntnisse des Herzzentrums am Schwarzwald-Baar-Klinikum sind Teil einer wissenschaftlichen Studie an acht deutschen Herzzentren. Die Kernaussage: Das traditionelle EKG kann nur 30 Prozent aller Nichthebungs-Herzinfarkte erkennen. Fatal für Betroffene – sie werden nach einer EKG-Untersuchung zu 70 Prozent nicht als Infarkt-Patienten erkannt – und auch nicht behandelt.

Die Folge: Viele sterben oft wenige Tage nach einer EKG-Untersuchung, in der sie für gesund befunden wurden. „Der Glaube an die Aussagekraft des traditionellen EKG kann tödliche Folgen haben“, sagt Privatdozent Gert Richardt vom Herz-Kreislauf-Zentrum Bad Segeberg. Seine Kollegen und er wiesen nach: Nur 30 Prozent aller Nichthebungs-Infarkte vermag das herkömmliche EKG zu entdecken. Über 70 Prozent werden dagegen sofort mit der neuen Herzschreiber-Methode CGM entdeckt. Auch beim CGM klebt der Arzt – wie bei einem normalen EKG – Elektroden auf den Körper des Patienten. Die Sensoren liefern dem CGM-Gerät eine dreidimensionale Darstellung der Herzaktivität – wesentlich genauer als jedes EKG. So kann der Arzt nicht nur einen Herzinfarkt häufiger erkennen, sondern auch eine chronische Unterversorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff.

Sein Leben verdankt auch Detlef Hardt dem CGM. „Am 12. September 2010 hatte ich Bauchschmerzen, glaubte an eine Magenverstimmung“, erzählt der 49-Jährige. Dann folgten Ziehen in der Brust, Taubheit im linken Arm, Übelkeit. Seine Frau brachte ihn ins Herzzentrum. „Das EKG war völlig unauffällig, auch ein Bluttest blieb ohne Befund“, so der kaufmännische Angestellte. Erst die CGM zeigte: Verstopfte Gefäße, höchste Gefahr.

Präzisere Diagnose

10 000 Menschen werden jeden Tag in Deutschland mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Mit Hilfe der neuen Cardiogoniometrie CGM lassen sich Infarkte und drohende Durchblutungsstörungen genauer feststellen als mit dem herkömmlichen EKG. Das Gerät wurde von Wissenschaftlern in Jena entwickelt. Eine Studie zeigt seine Wirksamkeit.

Untersuchung

Die Untersuchung kostet 26 Euro. Sie wird noch nicht von jeder Kasse bezahlt. Unter Telefon 03641-534 90 00 gibt es Adressen der Ärzte, die diese Methode anbieten.